{"id":752,"date":"2017-02-19T15:33:29","date_gmt":"2017-02-19T14:33:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joseph-wresinski.org\/de\/an-die-volontarinnen-und-volontare\/"},"modified":"2018-03-15T22:09:43","modified_gmt":"2018-03-15T21:09:43","slug":"an-die-volontarinnen-und-volontare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joseph-wresinski.org\/de\/an-die-volontarinnen-und-volontare\/","title":{"rendered":"An die Volont\u00e4rinnen und Volont\u00e4re 8. Februar 1988"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Vorabend der Herzoperation, von der er nicht mehr aufgewacht ist, hat Joseph Wresinski auf ein Kassettenger\u00e4t einen Brief an die Volont\u00e4rinnen und Volont\u00e4re diktiert. Die nachstehende redigierte Fassung wurde kurz nach seinem Tod unter den Mitgliedern des Volontariats verbreitet.<\/strong><\/p>\n<h2>8. Februar 1988 Brief an die Volont\u00e4rinnen und Volont\u00e4re aus dem Krankenhaus von Suresnes<\/h2>\n<p>Meine Freunde,<\/p>\n<p>Am Vorabend meiner Operation kann ich bei aller Zuversicht nicht anders, ich muss einfach nachdenken. Wenn man, wie ich im Moment, in der Hand der \u00c4rzte und Krankenschwestern ist, dann kann ich wieder besser ermessen, was die Armen in ihrem Alltag erleben, sie, die immer der Willk\u00fcr ausgeliefert sind oder besser gesagt, die sich gezwungen sehen, in ihren pers\u00f6nlichen Angelegenheiten allen m\u00f6glichen Urteilen und Meinungen Rechnung zu tragen. Wenn man sich so gezwungen sieht, von jedermann abh\u00e4ngig zu sein, dann muss man sich vor allem klein machen, nicht auffallen. Das ist eine erste \u00dcberlegung.<\/p>\n<p>Ein Zweites, das ich euch Volont\u00e4rInnen sagen m\u00f6chte, ist, dass wir den Familien sehr, sehr nahe bleiben m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen vor allem unserem Einsatz mit den Familien treu bleiben. Und dies nicht, weil wir Prinzipienreiter w\u00e4ren, sondern weil die Familie unsere Verb\u00fcndete ist. Sie muss uns die Verwirklichung dessen, was wir als Rechtsgesellschaft wollen, erm\u00f6glichen..<\/p>\n<p>Aber wir sind es uns schuldig, vor allem den am wenigsten privilegierten Familien sehr, sehr nahe zu bleiben. Daran muss ich euch wirklich mahnen, denn wir werden immer versucht sein, uns auf die Dynamischsten, Mutigsten, Intelligentesten zu st\u00fctzen. Wir m\u00fcssen uns nat\u00fcrlich auf sie st\u00fctzen, aber wir d\u00fcrfen uns von ihnen nicht vereinnahmen lassen. Sie sollen keine Trennwand zwischen uns und den \u00c4rmsten bilden. Wir m\u00fcssen darauf achten, dass auch diese sich unter ihren Br\u00fcdern und in ihrem eigenen Milieu f\u00fcr das Recht einsetzen. Wenn wir uns nicht durch allseitige Aktionen zerstreuen lassen sollen, m\u00fcssen wir uns immer die Frage stellen: erm\u00f6glicht es die Aktion, die wir durchf\u00fchren den am wenigsten Privilegierten, aus ihrer Lage herauszukommen und sich aktiv f\u00fcr die Menschenrechte einzusetzen?<\/p>\n<p>Wir brauchen uns vor unserer eigenen K\u00fchnheit nicht zu f\u00fcrchten, auch wenn wir (\u00fcbrigens zu Recht) denken, dass die Bev\u00f6lkerung nicht f\u00e4hig ist, ohne weiteres auf das, was wir ihr anbieten, einzugehen. Das stellt uns einfach vor die Notwendigkeit, schrittweise vorzugehen: aber man kann nicht schrittweise vorgehen, ohne zu planen. Wir m\u00fcssen wissen, welches Ziel wir verfolgen und welche Mittel wir einsetzen, um dieses Ziel zu erreichen. Die Menschen frei machen, frei in ihrer eigenen Gesellschaft, aktiv f\u00fcr die Freiheit der andern, das setzt voraus, dass wir die Kultur weitergeben, die wir haben und in der wir leben. Dass wir alle Kenntnisse weitergeben, die wir haben, dass wir sie wirklich teilen und also auch Mittel erfinden, um eine Teilhabe zu erm\u00f6glichen, damit die Familien darauf eingehen k\u00f6nnen. Wir sind nicht einfach Leute, die Ideen und eine Sprache bringen, wir m\u00fcssen Leute sein, welche die F\u00fclle des Menschen, die Harmonie des Menschen bringen, also Leute, die Kunst und Poesie bringen und sich nicht auf die Vermittlung von Techniken beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Dazu m\u00fcssen wir uns selbst das Vollendetste, was die Menschen haben, aneignen: muskalischen Ausdruck, Malerei &#8230; Man muss die Menschen ins Herz der Natur stellen, die Liebe zur Natur in ihnen wecken, die wunderbare Harmonie der Erde und des Himmels wahrnehmen. Sofern wir den Glauben haben, m\u00fcssen wir die Familien auch in die Welt des Unsichtbaren, des Unendlichen einf\u00fchren, so dass sie selber nicht nur Glieder einer Gemeinschaft, eines Wohnviertels sind, sondern Glieder des Universums und Freiheitsakteure.<\/p>\n<p>Das setzt voraus, dass wir wirklich in die Welt integriert sind, dass wir die Welt lieben. Wir k\u00f6nnen die Familien nicht in die Welt von morgen und in die Welt von heute einf\u00fchren, ohne selber dazuzugeh\u00f6ren. Es geht nicht darum, blind zu sein f\u00fcr die Fehler der Menschen. Aber wir m\u00fcssen immer daran denken, dass jeder Mensch Anrecht auf unser Vertrauen hat, solange kein Gegenbeweis vorliegt. Wir m\u00fcssen die politischen und philosophischen Debatten lieben, wir m\u00fcssen die Menschen, die f\u00fcr einen Glauben k\u00e4mpfen, lieben. Wir m\u00fcssen die Hoffnung aller, die k\u00e4mpfen, teilen, ohne ihnen auf den Leim zu gehen. Ohne zu vergessen, dass wir sie st\u00e4ndig daran mahnen m\u00fcssen, den \u00c4rmsten in ihren Kampf und ihr Denken einzubeziehen.<\/p>\n<p>All dies l\u00e4sst sich nicht ohne grosse Anstrengungen unsererseits erreichen. Anstrengungen, die Bev\u00f6lkerung, die Familien zu kennen, ihre Geschichte, ihr Milieu, ihre Herkunft, die Geschichte ihres gegenw\u00e4rtigen Lebens, ihren Alltag zu kennen. Wir m\u00fcssen eine tiefe Verbundenheit mit dem, was die Familien ganz tief in sich tragen, anstreben. Nicht oberfl\u00e4chlich, sondern wirklich tief. Wir haben die Instrumente, die wir einsetzen, anwenden m\u00fcssen: Psychologie, Soziologie, \u00d6konomie &#8230; Wir k\u00f6nnen die Familien nicht in die Welt von morgen und in die Welt von heute einf\u00fchren, ohne selber dazuzugeh\u00f6ren. Sicher haben wir nicht alle Wissenschaften mit L\u00f6ffeln gefressen. Aber wir d\u00fcrfen keine vernachl\u00e4ssigen, denn wer freie Menschen aufrichten will, muss daf\u00fcr sorgen, dass sie die Werkzeuge beherrschen, derer sich die Menschen in ihrer jeweiligen Epoche bedienen, um eine gerechtere, eine ausgeglichenere Welt (monde) zu schaffen, eine Welt (terre) in der Frieden nicht nur als Ideal gelebt wird, sondern als Realit\u00e4t unter den verschiedenen Menschen, weil wir alle die gegenseitige Liebe t\u00e4glich neu erfahren und \u2013 fast m\u00f6chte ich sagen: auswerten.<\/p>\n<p>Um Kenntnisse zu erlangen, werden wir h\u00f6ren, zuh\u00f6ren und schreiben m\u00fcssen. Wenn schreiben, lesen und sprechen auch nicht unsere einzige Aufgabe ist, so ist es doch unsere Aufgabe, aufzuschreiben, was zur Kenntnis der Familien beitragen kann. Es ist unsere Aufgabe, zu sprechen, um die Menschen, denen wir begegnen, zu veranlassen, f\u00fcr Gerechtigkeit f\u00fcr die \u00c4rmsten zu k\u00e4mpfen, damit Gerechtigkeit hergestellt wird im Land des Elends. Und dann m\u00fcssen wir auch enorm viel lesen und lernen.<\/p>\n<p>Auch muss unsere Zeit der Bev\u00f6lkerung geh\u00f6ren. Es ist in Ordnung, dass Arbeiter Ferien haben, es ist in Ordnung, dass auch wir Ferien haben. Es ist nicht in Ordnung, dass wir uns dagegen str\u00e4uben, etwas zu nutzen, was die andern zu ihrer Erholung n\u00f6tig haben. Aber unsere Zeit, das ist wie f\u00fcr Liebende, unsere Zeit geh\u00f6rt uns nicht. Und wenn wir Zeit f\u00fcr uns haben, dann dient sie immer dazu, uns zu bereichern, um so die \u00c4rmsten zu bereichern.<\/p>\n<p>Also die Bev\u00f6lkerung kennen und bekannt machen, uns pers\u00f6nlich weiterbilden, unsere Zeit geben, wer betet, auch sein Gebet geben. Denn es ist wichtig, dass wir der Spiritualit\u00e4t Raum geben. Wenn ich von Spiritualit\u00e4t spreche, dann spreche ich \u00fcbrigens nicht von der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Religion, obwohl es wichtig ist, dass wir einen Glauben haben, wenn nicht an einen Gott, so zumindest an die Menschen. Aber wir m\u00fcssen den Anspruch haben, ein Klima der Spiritualit\u00e4t zu schaffen, weil der Geist in uns wohnen muss.<\/p>\n<p>Der Geist, das ist eine Art Sinn f\u00fcr den andern, eine Art Verbundenheit mit dem andern, so dass der andere je kleiner und schw\u00e4cher er ist, f\u00fcr uns wirklich der wichtigste und gr\u00f6sste ist. Wenn wir von Spiritualit\u00fct sprechen, f\u00fchrt uns dies auch zum religi\u00f6sen Bereich, zu den Beziehungen mit Gott. Man kann sagen, dass dies der H\u00f6hepunkt der Spiritualit\u00e4t ist. Aber wir m\u00fcssen auf jeden Fall eine Spiritualit\u00e4t unter den Menschen leben, das heisst, eine gewisse Weise, die Menschen zu sehen, mit ihnen umzugehen. Genauso, wie wir gegen\u00fcber Gott eine betrachtende und betende Haltung einnehmen, wie wir versuchen, in die Stille zu gehen, versuchen, Gott m\u00f6glichst nahe zu kommen, mit ihm eins zu werden (jemand sagte: Ich melde mich bei ihm und er meldet sich bei mir genauso m\u00fcssen wir gegen\u00fcber unseren Geschwistern eine spirituelle Haltung einnehmen. Das heisst, wir m\u00fcssen es schaffen, auf eine bestimmte Weise mit den andern zu leben, dass die andern f\u00fcr uns nicht einfach nur z\u00e4hlen, sondern dass wir uns mit ihnen identifizieren, weil sie so sind wie wir. Sie f\u00fchren genau den gleichen Kampf mit den gleichen Schwierigkeiten und auch mit den gleichen Zweifeln, den gleichen Schmerzen, den gleichen K\u00fcmmernissen und auch mit den gleichen Hoffnungen und den gleichen Freuden. Das ist Spiritualit\u00e4t. Wir haben ein spirituelles Leben, wenn wir mit unserem Geist im Reinen sind. Wenn wir den Verlust von Zweitrangigem annehmen k\u00f6nnen, um uns an das zu klammern, was an uns selbst, am andern und an unserem Einsatz absolut wesentlich ist, dann werden wir unsere Spiritualit\u00e4t finden. Zur Spiritualit\u00e4t geh\u00f6rt auch eine Art Zuversicht, dass Geschwisterlichkeit, die eigentliche Grundlage f\u00fcr den Erfolg aller K\u00e4mpfe ist. Die \u00c4rmsten werden uns in dem Masse folgen, wiesie sehen, dass wir wirklich einig sind und einander wirklich lieben. Was uns zusammenf\u00fchrt, das sind die Armen. F\u00fcr diejenigen, die glauben, ist es Christus, der auf uns zukommt, wenn wir auf die Armen zugehen. Es ist Christus, der mit uns spricht, wenn wir mit den Armen sprechen, er, der f\u00fchlt, was wir f\u00fchlen, der mit den Armen die Last des Elends, des Leidens tr\u00e4gt. Das meinte ich, als ich von der Spiritualit\u00e4t f\u00fcr diejenigen, die den Glauben an Christus haben, sprach.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns alle k\u00f6nnen wir wohl sagen, dass es der Arme ist, der uns zusammenf\u00fchrt, und zwar der \u00c4rmste, derjenige, der am meisten leidet, der am meisten gemieden, am meisten verachtet, am meisten im Stich gelassen wird. Wenn wir also sagen, dass wir Volont\u00e4rInnen sind, dann ist das nicht nur ein Zustand, den wir annnehmen oder w\u00e4hlen, ein Zustand, in dem wir den \u00c4rmsten ausgeliefert sind, um von ihnen zu lernen, manchmal mit grossem Erstaunen. Gewiss haben wir auf einen pers\u00f6nlichen Aufstieg, auf Erfolg verzichtet, aber Volont\u00e4r sein, das heisst viel mehr als das. Es heisst, dass wir die Armen zu unseren Br\u00fcdern und Schwestern gemacht haben. Ihre Kinder sind unsere Kinder. Und wir leben in st\u00e4ndiger Verbundenheit mit ihnen. Sie sind bei uns und in uns anwesend. Wir erkennen sie wieder und sinnen \u00fcber sie nach. Das heisst, wir sehen sie als unsere Meister und Vorbilder an, aber genauso auch als unsere Angst, unseren Schmerz, unsere Sorge. Die Sorge um ihre Befreiung wohnt st\u00e4ndig in uns. Das ist unsere Spiritualit\u00e4t: wir sind im Geist von der Bev\u00f6lkerung eingenommen und alles, was wir tun, alles was wir sagen, soll f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung eine Chance sein.<\/p>\n<p>P\u00e8re Joseph<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung: Marie-Rose Blunschi Ackermann, Mai 2000 \u00a9 Bewegung ATD Vierte Welt, Pierrelaye, Frankreich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Vorabend der Herzoperation, von der er nicht mehr aufgewacht ist, hat Joseph Wresinski auf ein Kassettenger\u00e4t einen Brief an (&#8230;) <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.joseph-wresinski.org\/de\/an-die-volontarinnen-und-volontare\/\">Weiterlesen &#8230; <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1316,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"categories":[79,70],"tags":[],"class_list":["post-752","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-briefe","category-schriften"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>An die Volont\u00e4rinnen und Volont\u00e4re 8. 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