„Lächeln bitte!“, wisperte meine Mutter mir zu, wenn sie selbst sich vor anderen Leuten verunsichert oder eingeschüchtert fühlte. Mein Lächeln war ihr Schild gegen Demütigung. Es half ihr, die Fassung zurückzugewinnen.
„Lächeln bitte!“, … denn ein Kinderlächeln lässt für einen Moment alles Leid und alle Unsicherheit in den Hintergrund rücken.
In Indien heißt es: „Das Kind ist das Lächeln der Welt,“ und es ist wirklich so. Sind es nicht die Kinder, die es ermöglichen, auf andere zuzugehen, wenn die Eltern des Bittens und Bettelns müde sind?
Das Lächeln der Kinder bringt Vorwürfe und Fragen zum Verstummen. Es ist ihre Stärke als Kinder und hilft, ihrer Familie Geltung zu verschaffen.
Sie spielen, sie rennen, sie wachsen in verwahrlosten Vierteln auf, in Siedlungen, eingezwängt zwischen Fabrik und Autobahn.
Sie schreien zu laut, sie stören den Unterricht, sie können nicht stillsitzen, in der Kirche nicht Ruhe geben.
Doch welch ein Lächeln sie uns schenken, wenn sie spüren, dass wir sie gern haben!
Manchmal kommt mir der Gedanke, dass die Kinder, wenn die Welt so weitermacht, bald nicht mehr die Kraft zum Lächeln haben werden. Was dann?
Wer verbirgt die Scham des arbeitslosen Vaters? Wer lässt die Mutter die Last des Alltags vergessen? Wer ruft unserer Welt in Erinnerung, dass Zärtlichkeit mehr wert ist als Leistung und Gewinn?
Ich denke an die Hilfsorganisationen, deren Mittel durch die Krise schrumpfen. Ich denke an alle, die in dieser schwierigen Zeit so sehr in Anspruch genommen werden, dass sie sich verlegen von den am härtesten Benachteiligten entfernen.
Wenn das bittere Elend einmal so ausweglos wird, dass wir nicht mehr imstande sind, den Kindern Grund zum Lächeln zu geben, in welch einer Welt leben wir da!
Wo könnten wir die Hoffnung wiederfinden, die aus ihrem Lächeln spricht, woher die Botschaft beziehen, mit der sie sich an uns wenden, woher käme uns die Lust zum Lachen?
Wie könnten die Kinder noch Freude in unseren Herzen wecken, wie uns zur Gerechtigkeit mahnen? Wie könnten sie uns noch dazu bringen, aufzustehen und dem Elend ein Ende zu setzen, wie uns daran glauben lassen, dass morgen die Liebe siegen wird?
Ein Wort aus Kindermund: „Wenn die Leute erfahren, was wir durchmachen müssen, werden sie sich sagen: ‚Das ist doch nicht möglich, so kann das nicht weitergehen.‘“
Der vorliegende Text ist auf dieser Webseite in zwei verschiedenen Übersetzungen zu finden. Lesen Sie hier die Übersetzung von Pierre Deutschmann, veröffentlicht in: Worte für morgen, Editions Quart Monde, 1994.
