Die Lebenssituation der Menschen in extremer Armut1 ist ein Verrat an unseren demokratischen Grundsätzen. Ohne Respekt gegenüber Minderheiten keine Demokratie! Die Mehrheit verpflichtet sich, Minderheiten zu verteidigen und zu unterstützen, damit sie sich äußern können. Andernfalls handelt es sich lediglich um eine usurpatorische Machtausübung durch die Starken. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass unsere Demokratien Minderheiten alle Möglichkeiten einräumen, sich gleichberechtigt mit der Mehrheit zu beteiligen.
Unsere Demokratien, die sich ausdrücklich auf Chancengleichheit berufen, sind in Wirklichkeit von tiefer Ungleichheit zwischen den Menschen geprägt. Seit etwa zwei Jahrhunderten hat sich ein Teil der Gesellschaft die wirtschaftliche, politische, soziale und religiöse Macht angeeignet. Dieser Teil hat unabhängig vom jeweiligen politischen Regime ununterbrochen daran gearbeitet, die im Laufe der Jahrhunderte erworbenen und angehäuften Privilegien für sich zu bewahren. (…)
Es sind vor allem die Menschen in extremer Armut2, die uns die tieferen Zusammenhänge unserer Gesellschaften vor Augen führen: Ihnen wurde alles genommen, jegliche Möglichkeit sich zu äußern, ein Leben in Würde zu führen, wie sie es erhofft hatten. Stattdessen wurden sie gezwungen, das Spiel der anderen, der Behörden, der karitativen oder sozialen Einrichtungen, mitzuspielen. Man hat Objekte aus ihnen gemacht und nicht bewusst handelnde Personen, die in der Lage wären, ihre eigene Meinung zu formen und zu äußern. Stattdessen wurden sie gezwungen, zu ducken, zu lügen, zu tun als ob, um sich ein Überleben zu sichern.
Wenn man sich diesen Familien nähert, ist man jedoch immer wieder erstaunt über den menschlichen Wert, den man in ihnen findet. Denn der Mensch lässt sich nicht völlig zermürben, nicht vereinnahmen, er leistet Widerstand.
Wie zum Beispiel jener Mann, dem ich im Jura begegnet bin. Er hat aus schwerwiegenden Gründen seine Arbeit verloren und wird in dieser Region nie wieder eine neue Stelle finden. Da ist nun eine Familie, die nicht mehr ein und aus weiß und ihre Kinder nur noch durch Stehlen und Betteln ernähren kann, weil eine Gesellschaft – und diese Gesellschaft sind wir – ihre Mitglieder nicht zu unterstützen vermag und ihnen kein Auskommen ermöglicht.
Dabei ist dieser Mann fleißiger Arbeiter. Ich kenne ihn seit 12 Jahren. Er fand eine Arbeitsstelle, verlor sie wieder und gab nicht auf, bis er eine neue gefunden hatte. Als ich neulich zu ihm kam, saß er auf die Ellenbogen gestützt am Küchentisch. Er richtete sich auf, empfing mich mit Würde und erzählte mir von seinen Misserfolgen, seinen Hoffnungen und seinem großen Wunsch zu arbeiten.
Das ist das Los des Subproletariats: eine Welt von Arbeitern, die nach und nach dazu gezwungen wurden, nur Gelegenheitsjobs anzunehmen. Weil ihr Stand als minderwertig angesehen wurde, erhielten sie eine minderwertige Ausbildung, und nun steht der Erbe dieses Volkes mit 35 Jahren ohne Beruf vor mir und ein verzweifelter Aufschrei bricht aus ihm hervor: Finden Sie mir Arbeit!
