Joseph Wresinski. Wortführer der Ärmsten im theologischen Diskurs

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Die vorliegende Arbeit  schafft Grundlagen für eine theologische Rezeption des Lebenswerks von Joseph Wresinski. In einem biographischen Zugang wird gezeigt, inwiefern der Gründer der Internationalen Bewegung ATD Vierte Welt als Repräsentant der Ärmsten zu verstehen ist und wie sich sein Dialog mit der akademischen Welt entwickelt hat. Die Analyse des Radiointerviews von Jacques Chancel ( 17. Mai 1973) fördert den inneren Zusammenhang zwischen seinem gesellschaftspolitischen und theologischen Denken und seiner Praxis zutage.
Für Père Joseph, der selber in Armut aufgewachsen ist, sind die Lebenserfahrungen der ärmsten Familien ein Schlüssel zum Verständnis der biblischen Botschaft und des Auftrags der Kirche. Er erinnert daran, dass die Option für die Armen keine Frage des Kontexts ist, sondern eine Frage der christlichen Identität. So weist er einen Weg zu einem erneuerten Selbstverständnis der Kirchen im Geiste des 2. Vatikanischen Konzils.

Leseprobe (Seite 242 f) :

Zeuge und Anwalt der Ärmsten

Als Zeuge und Anwalt der Ärmsten bringt Wresinski deren Leben als theologischen Ort zur Sprache. In seinen Publikationen lässt er Erwachsene und Kinder in extremen Armutslagen auch selber zu Wort kommen. Ihre Lebenserfahrungen sind für ihn der Schlüssel zum Verständnis des Evangeliums und des Auftrags der Kirche. In ihrer Absage ans Elend offenbart sich Gott selbst. Auf dieser Grundlage formuliert er konkrete Anfragen an die akademische Theologie, wie auch an gewisse Formen kirchlicher Praxis. All dies gehört für ihn zu seinem Auftrag als Priester und soll zur Erneuerung der Kirche beitragen. (…)

Wresinskis Anspruch, mit seinen Büchern zur theologischen Forschung beizutragen, entspricht seinem allgemeineren Anliegen, die Ärmsten als PartnerInnen an der Erarbeitung gesellschaftlich relevanten Wissens zu beteiligen. (…)

Wresinski warnt vor akademischen Debatten, die den Armen nicht zugänglich sind oder „Christus zum Studienobjekt reduzieren“[1] Eine Partnerschaft kann es für ihn nur geben, wenn die theologisch Gebildeten bereit sind, von den Armen zu lernen, da diese es sind, die „das Wesentliche jeder Gotteskenntnis bewahren“[2].

Besonders prägnant entfaltet er diesen Gedanken in der Lektüre des Gesprächs am Jakobsbrunnen (Joh 4). Er gibt dazu die Überlegungen einer alleinerziehenden Mutter wieder, die aufgrund ihrer extremen Armut im Laufe ihres Lebens mehrere Männer gehabt hat und die wie die Samariterin die Frage aufwirft: „Wo soll ich hingehen, um Gott anzubeten?“[3] Und er kommentiert.

„Jesus vertritt keinen ‚partizipativen Ansatz‘. Er ist mit den Menschen völlig verbunden. Und so geht von den Unterhaltungen, denen wir beiwohnen dürfen, jedesmal ein erstaunliches Licht aus. Ein Licht, das gerade deshalb überrascht, weil die Ärmsten nicht bloss an einem ohne sie erarbeiteten Denken Anteil bekommen. Sie sind Schöpfer eines Denkens, und dieses entspringt ihrer Erfahrung der extremen Armut. Es überrascht unweigerlich die Wohlhabenden. “[4]

[1] 1er février 1988, Méry-sur-Oise. Rencontre avec les volontaires engagés dans la spiritualité (Heerlen, Sappel, Jemappe, Noisy) Décryptage, in: Dossiers de Pierrelaye, février 1997, Archiv Joseph-Wresinski-Zentrum, Baillet-en-France.

[2] Joseph Wresinski, Selig ihr Armen, Münster 2005, S. 118.

[3] ebd., 115.

[4] ebd., 121.

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