„Rue des fleurs“ ist ein Stummfilm, der 1962 im Lager der Wohnungslosen in Noisy-le-Grand, dem Geburtsort der Bewegung ATD Vierte Welt, gedreht wurde. Im Jahr 1984 nahm Joseph Wresinski einen Kommentar zu einem Auszug dieses Films auf Band auf, zum Zeitpunkt der Entstehung des Films „Au delà de demain“.


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Ich bin Priester. Mein Bischof schickte mich nach Noisy-le-Grand, einem Vorort von Paris. Am 14. Juli 1956 begab ich mich zum ersten Mal dorthin. Die Familien, die ich dort traf, erinnerten mich an das Elend meiner Mutter. Die Kinder, die mich vom ersten Augenblick an in Beschlag nahmen, das waren meine Brüder, meine Schwester, das war ich 40 Jahre früher in der Rue Saint Jacques in Angers.
Seitdem haben die Familien dieses Notlagers alles, was ich für ihre Befreiung unternommen habe, geprägt. Sie haben mich in Beschlag genommen, meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, sie haben mich dazu gebracht, mit ihnen eine Bewegung zu gründen. Sie haben sich eine Identität gegeben, indem sie sich einen Namen wählten: die Vierte Welt.
An jenem 14. Juli 1956 bin ich ins Unglück eingetreten. Am selben Tag schwor ich mir, diese Familien der Gesellschaft vor Augen zu führen, menschenwürdige Wohnungen für sie zu erlangen, Arbeit für die Erwachsenen, einen Beruf für die Jugendlichen, und für die Kinder Schulen, in denen sie endlich etwas lernen würden.
An selben Tag noch entschied ich mich für den Weg, den ich einschlagen musste, damit diese Familien einen anerkannten und geachteten Platz in der Gesellschaft hätten: Ich würde mit ihnen die Stufen der UNO, der UNESCO, der UNICEF, der ILO, des Europarates und des Vatikans erklimmen, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Dank der Familien bin ich diesen Weg bis ans Ziel gegangen; dank auch der Männer und der Frauen, die sich uns angeschlossen haben. Letztere waren Arbeiter*innen, Lehrer*innen, Ingenieure …, die sich nicht mit dem Elend abfinden wollten und bereit waren, ihre Kompetenzen und ihre Sensibilität einzusetzen. Sie kamen mit leeren Händen, ohne Geld, ohne Macht, ohne Status. Mit hartnäckiger Entschlossenheit und viel Mut haben sie das „Volontariat“[1] aufgebaut.
Angesichts der Hilferufe, die uns von überallher erreichten, haben sich die Volontär*innen an vielen Orten in der Welt den Menschen in extremer Armut angeschlossen. Sie wurden zur Vorhut des Kampfes, den ein Volk in Armut und Elend für seine Würde und Befreiung austrägt.
[1] ATD Bezeichnung für die Gemeinschaft der ständigen freiwilligen Mitarbeiter
