Das Teilen

Was bedeutet teilen? Man hat es uns gelehrt, als ich ein Kind war. So arm wir auch waren, wenn ein armer Mensch an der Tür klopfte, sagte man mir: „Geh ein Stück Brot und paar Geldstücke holen und gibt das Stück Brot diesem armen Menschen, der da anklopft.“ Manchmal kam es vor, dass wir den Sohn der Nachbarin bei uns aufnahmen. Die Mutter trank, sie war allein mit ihrem Sohn und wenn der Junge aus der Schule kam, fand er oft seine Mutter zusammengesunken neben dem Ofen vor, und der arme dreizehnjährige Junge trug sie auf den Armen in ihr Bett. Und manchmal lud ihn Mama zum Essen ein. Es kam vor, dass Mama und diese Nachbarin sich stritten, und meiner Mutter machte es die größte Freude, sagen zu können: „… und das, nach all dem, was ich für sie gemacht habe.“

Da war auch ein Pfarrer, der zu uns kam. Und wenn er kam, dann war das für das Kirchgeld, und da es ein guter Pfarrer war, ging er zu all seinen Leuten für das Kirchgeld. Aber zu uns, die arm waren, kam er und setzte sich hin und blieb lange mit meiner Mutter sitzen, und wir gaben ihm immer als Kirchgeld 50 Centimes. Und da wir abends, bevor wir ins Bett gingen, Zig Zag Zigarettenpapier falteten, gaben wir ihm ein Päckchen davon, wir mogelten mit der Blätteranzahl … das war für uns eine Möglichkeit zu teilen.

Aber bemerkenswert war bei diesem Pfarrer, der zu uns kam, sich hinsetzte und immer wieder seine zehn Centimes und sein kleines Päckchen Zigarettenpapier bekam, dass er lange bei uns blieb und meiner Mutter mit viel Ehre und Würde zuhörte. Und manchmal stellte er sogar Fragen über die Nachbarschaft und bat auch, etwas für den Ungläubigen, der über uns wohnte, zu tun. Er gab meiner Mutter die Ehre des Teilens und die Möglichkeit, nicht irgendetwas, sondern die Ehre, das Vertrauen zu teilen.

Wenn man an einen armen Menschen denkt, denkt man dann daran? Daran, dass der Mensch, der vor einem sitzt, nicht deshalb arm ist, weil ihm für sich selbst etwas fehlt, weil ihm Brot fehlt, weil er niemanden an seinen Tisch einladen kann und auch weil er keine anerkannte Ehre hat, sondern weil er nichts geben kann, weil er nichts zu geben hat, weil er kein Brot zu geben hat, keinen Tisch hat, an den er jemanden einladen könnte.

(…)

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