Gründonnerstag der Armen

Ugolino da Siena - The last supper

Der folgende Text setzt sich mit einem Kapitel aus Joseph Wresinskis Buch „Die Armen – Begegnung mit dem lebendigen Gott“ (Münster 2008) auseinander. Die Seitenangaben in Klammern verweisen auf diese Publikation.

Joseph Wresinskis theologisches Œuvre ist bis heute kaum erschlossen. Dabei könnte es fruchtbare Impulse nicht nur für die Diakonie und Pastoraltheologie, sondern gerade auch für die Fundamentaltheologie geben. In „Die Armen – Begegnung mit dem lebendigen Gott“ schreibt er:

„Diese Familien sind Lehrer für alles, was den Menschen betrifft und Lehrer für Theologie“ (104).

Menschen, die in extremer Armut und Ausgrenzung leben, machen eine besondere Erfahrung der conditio humana. Sie haben, sagt Wresinski, einen besonderen Zugang zu Jesus Christus, zu seiner Menschwerdung als Entäußerung, zu seinem Leiden, Sterben und zu seiner Auferstehung. Wenn er die heiligen Geheimnisse der Passion Christi meditiert, ist die Welt des Elends immer gegenwärtig. Die Frage, was wir konkret von den Ausgegrenzten – und er meint tatsächlich Leute, die mit Bierflaschen in der Hand vor Supermärkten stehen, die Klientel von Kleiderkammern und Suppenküchen, Familien, die man auch heute zum Teil noch leichthin auseinander reißt und deren Kinder schon früh die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung als Lebensperspektive sehen – über die entscheidenden Fragendes Glaubens lernen können, diese Frage ist ein Schlüssel zum Verständnis seiner Texte.

Geste eines Sklaven

„Der Gründonnerstag der Armen“ (106-111)  kreist um die Ereignisse der Heilsgeschichte, die an diesem Tag erinnert werden: die Einsetzung der Eucharistie, die durch die Berichte der Synoptiker überliefert wird, und die Fußwaschung der Jünger, von der der Evangelist Johannes erzählt. In der Liturgie vom Abend des Gründonnerstags wird beides dargestellt. Wresinskis Meditationen stellen den Zusammenhang dieser Ereignisse heraus. Die Berührung, um die es in der Fußwaschung geht, stellt die Frage der Reinheit und Unreinheit in den Raum.

„Berührt hat Jesus die Armen sein Leben lang. Er ging dabei soweit, dass es seiner Umgebung Angst machte. Welche Unreinheiten konnten sich die wohlhabenden Menschen und die einfachen Leute, die zwar arm, aber gesund und rechtschaffen waren, zuziehen durch einen Messias, der ständig den versehrtesten Leibern die Hände auflegte? Beim letzten Abendmahl weist Jesus durch eine einzige Geste auf dieses furchtbare Versagen des Menschen gegenüber dem Mitmenschen hin.“ (107)

Die Unterscheidung zwischen rein und unrein grenzt ab und grenzt aus. Vom Kult ausgeschlossen wurden durch diese Unterscheidung die „versehrtesten Leiber“: mit Krankheiten (vor allem mit Aussatz) Geschlagene, Prostituierte, „Zöllner und Sünder“. Auch die Masse der Allerärmsten gehörte dazu, sei es, weil sie sich die Teilnahme am Kult nicht durch den Erwerb und das Darbringen von Opfergaben erkaufen konnten, sei es, weil ihnen der Zugang zum Tempel, dem Ort der (immer bedrohten) Reinheit par excellence, aufgrund eines entstellten Äußeren verboten war. Wir alle wissen, dass Armut entstellen und Abwehr und Ekel hervorrufen kann. Das Ekel Erregende als das Unreine zu definieren, ist ein Versuch, es zu bannen. Man kann wohl nicht sagen, dass Jesus die kultischen Vorschriften in jedem Fall abgelehnt hätte (Lk 17,14). Doch heißt es bei Lukas: „Da sagte der Herr zu ihm: O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Teller und Becher außen sauber, innen aber seid ihr voll Raubgier und Bosheit. (…) Gebt lieber, was in den Schüsseln ist, den Armen, dann ist für euch alles rein.“ (Lk 11, 39. 41). Reinheit ist der Barmherzigkeit untergeordnet. Das „furchtbare Versagen des Menschen gegenüber dem Mitmenschen“ liegt in dem Missbrauch von „Reinheit“, der den Allerärmsten und ohnehin schon Ausgegrenzten den Zugang zu Gott verwehrt. Die Berührung Jesu ist die Geste eines Sklaven. Er macht seine Jünger rein, aber er tut es mit einer Geste der Unterwerfung.

„Die erste Bedingung für den Empfang von Brot und Wein ist nicht, dass ihr so gehandelt habt, wie ich, sondern dass ihr so geworden seid wie ich, nämlich ein Sklave.“ (108)

Die Jünger sollen sein wie er – ein Sklave – denn nur dann können sie auf eine Art rein sein, die nicht auf Kosten derer geht, die verachtet sind. Die Arroganz der Reinen hat viele Facetten, von der physischen Gewalt bis zur stillen Verachtung im Alltag. Die Jünger sollen sein wie der Herr, aber nicht, indem sie den Weltenrichter imitieren, sondern den Sklaven. Unterwerfung ist die Voraussetzung für den Empfang von Brot und Wein, über deren Beschaffenheit die Armen keine Zweifel hegen, wie Wresinski schreibt:

„Für sie sind unsere Diskussionen über die Transsubstantiation ebenso null und nichtig, wie unsere Debatten über die jeweiligen Vorteile, die es bringt, wenn man den Armen zu essen gibt oder ihnen die Möglichkeit bietet, selbst Nahrungsmittel herzustellen. Wenn Jesus Christus nicht selbst in der Eucharistie zugegen wäre, wenn sein Leib nicht wirklich jeden Tag neu hingegeben würde, was gäbe es dann noch für einen Unterscheid zwischen dem Brot des Lebens und dem Brot der Kantine?“ (109f)

Gemeinschaft und Opfer

Suppenküchen – „le pain donné à la cantine“, kurz vorher spricht Wresinski von „la cantine moderne des mal nourris“ und meint eindeutig eine Armenspeisung– werden oft präsentiert als eine glückliche Synthese von sozialem Engagement und adäquater Verwendung von Resten und Überflüssigem. Für Wresinski ist diese Verbindung zutiefst zweideutig. Im Lager von Noisy-le-Grand kam es vor, dass sich Leute, die ihm mit dem Essgeschirr in der Hand auf dem Weg zu einer Essensverteilung begegneten, damit entschuldigten, es wäre nur für ihren Hund. Auch in „Die Armen – Begegnung mit dem lebendigen Gott“ beschreibt er die Erniedrigung, die mit einem Gang zur Suppenküche oder zur Küche eines Krankenhauses, das die Reste des jeweiligen Tages am Abend vor die Tür stellt – eine Praxis, die im Frankreich der achtziger Jahre noch üblich gewesen sein muss –verbunden ist. Selbst der Gang zu einer der vielen „Tafeln“, die in den letzten Jahren überall in Deutschland entstanden sind und die an Betroffene Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum überschritten ist, oder die aus anderen Gründen nicht mehr zu verkaufen sind, verteilen, bedeutet zugleich Hilfe und Demütigung. So schreibt Wresinski:

„Anomyme Speisereste, überschüssige Portionen für überflüssige Menschen – wo war da das Teilen geblieben? Welche Schmach für den, der gefüttert wird wie ein Tier, welche Schmach aber auch (das kann ich bezeugen) für denjenigen, der auf diese Weise den hungernden Leib Christi ernähren muss!“ (106).

„Überschüssige Portionen für überflüssige Menschen“ – man könnte auch sagen: Abfall für Menschen, die selbst als Abfall gelten. Wir brauchen sie nicht einmal zu sehen oder zu berühren, wenn sie ihre Rationen abholen. Dem Brot der Suppenküche fehlt das Teilen. Es ist kein Zeichen für Gemeinschaft, sondern ein Zeichen für Ausschluss. Ein Überschuss, den wir auf diese Weise entsorgen, ist kein Opfer: Es hat uns nichts gekostet. Wresinski schreibt „für die Armen sind unsere Diskussionen über die Transsubstantiation null und nichtig“. Man kann vielleicht hinzufügen: auch unsere Diskussionen über den Mahlcharakter oder den Opfercharakter der Eucharistie. Sie lehren uns, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist. Die Gemeinschaft im Teilen des Leibes Christi setzt das Opfer voraus. Sie setzt voraus, dass der Leib Christi „wirklich jeden Tag neu hingegeben“ (109) wird. Nicht als schöne Metapher, als „symbolische Geste“, als „Kunstgriff eines guten Pädagogen“ (110), nicht in kuschelig-besinnlicher Gemeinschaftlichkeit, sondern in der ganzen Brutalität des Elends, des Hungers, der alltäglichen Ausgrenzung und Gewalt.

Transformation des Elends

Die Sprache Wresinskis provoziert:

„Wenn der Leib Christi nicht Brot und Wein für alle und zu jeder Zeit wäre, dann wäre Jesus Christus nicht der Sohn Gottes, der ein Mensch im Elend wurde, um bis zum Ende der Welt seinem Vater alle Leiden der Menschheit darzubieten.“ (110)

Der erste Teil des Satzes ist überraschend »verdreht«. Man würde nach dem Hinweis auf die Transsubstantiation eher einen Satzanfang erwarten wie „Wenn Brot und Wein nicht wirklich der Leib Christi wären“. Stattdessen heißt es: „Wenn der Leib Christi nicht Brot und Wein für alle und zu jeder Zeit wäre“. Weil Christus der Sohn Gottes ist, hat er die Macht, das Leiden, das er in seinem eigenen Leib bis zum Ende der Zeit seinem Vater darbietet, in Brot und Wein zu verwandeln. Er schreibt in das Leiden der Menschheit seine Auferstehung ein. „Brot und Wein für alle und zu jeder Zeit“ („le pain et le vin, à tout instant et pour tous“) bedeuten eine Nahrung, die nicht nur dazu dient, die Körperfunktionen aufrecht zu erhalten. „Brot und Wein für alle und zu jeder Zeit“ stehen für das Reich Gottes, das immer schon da ist, zugleich verborgen. Die Verwandlung von Realität, wie sie im täglichen Opfer des Leibes Christi in der Eucharistie geschieht, ist gleichsam ein Unterpfand für die mögliche Verwandlung der Realität des Elends. Das Opfer Christi kann nur deshalb für die Ärmsten erlösend sein, weil er ihr Leben ganz und gar geteilt hat:

„Der ausgeteilte Leib ist der Leib eines Armen, der Not gelitten hat, der verhöhnt und gefoltert wurde. Er lieferte sich den Menschen genauso aus, wie die Ärmsten ihnen ausgeliefert sind. Wenn sie das Brot des Lebens empfangen, nehmen sie diesen Bruder der Unterdrückten, der selbst ein Unterdrückter ist, auf.“ (110f)

Eine Gabe, die nicht nutzlos sein soll, die nicht immer auch den Beigeschmack der Herablassung an sich hat und den Menschen demütigt, der sich nicht erlauben kann, ihre Annahme zu verweigern, ist nur als Folge einer Selbsthingabe denkbar – einer Selbsthingabe, die noch vor aller Bedürftigkeit, die Würde eines jeden Menschen zum Ausdruck bringt, einer Selbsthingabe, die zuerst von dem gibt, was uns wirklich etwas kostet: persönlich verfügbare Zeit, Aufmerksamkeit, Kontinuität, Nicht-Urteilen .. . Es kommt nicht darauf an, Ausflüge in die Welt des Elends zu machen, sondern dazubleiben. Es kommt darauf an, darauf zu verzichten, die Wissenden, Könnenden, Gebenden zu sein. Der „Gründonnerstag der Armen“ meint keine liturgische Sonderveranstaltung. Er meint durch die Jahrhunderte hin eine Aufforderung an die Kirche, von den am meisten Gedemütigten und Ausgegrenzten zu lernen, die Geheimnisse des Glaubens zu betrachten und zu erinnern und das eigene Leben davon verwandeln zu lassen.

 

 

Vgl. Corinna Schwarz, Joseph Wresinski. Gründonnerstag der Armen, in: Geist und Leben 83/3 (2010), S. 215–221.

Der Text wurde für die Veröffentlichung auf dieser Webseite gekürzt und redaktionell bearbeitet.

 

 

 

 

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