Wir hatten nichts anderes zu bieten als uns selbst

In der Einleitung zu seinem1983 auf Französisch erschienenen Buch „Die Armen sind die Kirche“ erklärt Joseph Wresinski die Hauptanliegen der Bewegung ATD Vierte Welt und situiert sie im Kontext der Zeitgeschichte.

Wir sind keine Erfinder, bloß Erben. Andere haben in der zeitgenössischen Kirche hier und in aller Welt den Anstoß zu Bewegungen gegeben, die den Armen, dem Volk der Ausgestoßenen begegnen. Wir befinden uns innerhalb einer geistig-geistlichen Richtung, die nicht so sehr auf Ideen als vielmehr auf einer Einsicht des Herzens beruht und die den Armen, den Leuten des Elends begegnet ist. Da gibt es Bewegungen, die für den Frieden kämpfen, für das Brot, für die Gerechtigkeit: all diese Anliegen treffen sich irgendwo in der Sorge um den am meisten verachteten Menschen. Wir schaffen nichts Neues, obwohl das Elend uns auch erfinderisch machen kann; vielleicht erneuern wir Bestehendes.

Wo unsere Originalität liegt? Als die Bewegung ATD Vierte Welt begann, war die Gesellschaft selbstbewusst; jedermann dachte, dass der Fortschritt verbunden mit dem Fürsorgewesen das Elend automatisch und unvermeidlich zum Verschwinden bringen würde, man war siegessicher. Wie konnte in diesem Kontext irgendjemand an das glauben, was wir über das Elend sagten? Das war die Hauptschwierigkeit, auf die wir stießen.

In diesem Kontext hat Abbé Pierre die Wirklichkeit der am meisten Leidenden sichtbar gemacht; ATD Vierte Welt hat diese mit der Familie in Verbindung gebracht. Das war kühn in jener Zeit, wo die Gesellschaft ihr Interesse an der Familie zu verlieren begann; die Sozialdienste und die Behörden haben übrigens den Nachdruck, den wir auf die Familie legen, noch immer nicht verstanden. Weshalb uns so viel daran lag? Wenn alles fehlt, ist die Familie die einzige Zuflucht für den Menschen; nur hier gibt es noch jemand, der ihn aufnimmt, nur hier ist er noch jemand. In der Familie findet er seine Identität. Die Seinen, seine Kinder, seine Ehefrau, seine Lebensgefährtin … stellen für ihn seinen letzten Freiraum dar. Selbst wenn ihre Kinder ihnen entrissen werden, berufen sich der Mann und die Frau immer auf die Wesen, denen sie das Leben geschenkt haben. Weil wir auf dieser Realität der Familie bestanden, galten wir als rückständig. Darunter haben wir sehr gelitten, ohne uns allerdings beirren zu lassen.

Entscheidend war in unserer Bewegung von Anfang an, dass wir nichts anderes zu bieten hatten als uns selbst. Wir besaßen nichts, wir waren keine Organisation für sozialen Wohnungsbau und auch keine Sozialarbeiter mit einer bestimmten Dienststelle oder Einrichtung im Rücken. Wir hatten nichts anderes zu bieten als das Herz, das in unserer Brust schlug. Unsere weitestgehende Mittellosigkeit, unser völliger Mangel an allem Notwendigen ermöglichten es, dass wir von den am meisten benachteiligten Familien akzeptiert wurden. Wir hatten keinerlei Macht, keine politische oder gesellschaftliche Macht, nicht einmal die Unterstützung oder den Rückhalt einer Kirche. Wir kamen mit leeren Händen und bloßen Füssen mitten ins Elend. Wir hatten nichts anderes zu bieten als das, was wir waren: Frauen und Männer, die ihr Leben dafür einsetzen wollten, mit diesen Menschen, die von Ablehnung und Elend umgeben waren, zu kämpfen. Der Mensch und seine Förderung waren unser einziges Ziel.

Wir haben von Anfang an gewollt, dass diese Familien, die in äußerster Armut lebten, die Verteidiger ihrer Brüder und Schwestern seien. Wir standen am Anfang eines weiten Weges, ohne Beziehungen, in der gleichen Lage wie die Familien, die in völliger Mittellosigkeit lebten. Viele von diesen hatten nichts anderes gekannt als Bedürftigkeit, Unwissenheit, Krankheit, Arbeitslosigkeit und auf jeden Fall Ablehnung und Ausgrenzung. Wir wollten erreichen, dass ihr eigener Einsatz als Bürgschaft diene, damit die Gesellschaft sie wieder als Menschen aufnehme, die für sich selber, für ihre Kinder, für ihr Leben und für ihr Wort verantwortlich sind. Dieser eigene Einsatz sollte ein lebender Beweis sein für die Möglichkeiten jedes Menschen: kein Mensch ist jemals völlig am Ende. Wenn die Ärmsten, trotz des Elends, das sie von überall her einkreiste, in ihrem Zusammenleben eine gewisse Gastlichkeit und Solidarität entwickeln konnten, wenn die Angehörigen der Unterklasse zu bestätigen imstande waren, dass es für das Leben und die Gesellschaft noch andere Triebkräfte geben kann als Konsum und Profit, dann war dies das Angebot einer neuen Welt, das sich an jeden Menschen richtete.  Wir schlugen eine radikale Änderung des Blickwinkels vor, andersartige Beziehungen, ein anderes Ziel für unsere Bemühungen.

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